Kustmarathon in Zeeland

Kustmarathon in Zeeland (Holland)

Eigentlich bin ich ja der Meinung, dass wir Autos erfunden haben, um Strecken jenseits der 20km und Flugzeuge um Strecken jenseits der 40km zurück zu legen.
Doch manchmal kommt es anders als man denkt…

Angefangen hat es zu Jahresbeginn, als Simone van Haren und Klaus Barmscheidt mich überredeten, am ersten Lauf der Winterlaufserie in Nettetal teil zu nehmen.
Man würde sich vor Ort kurzfristig anmelden und los geht’s. Schließlich gehe es hier um Spaß, die Lokation sei auch sehr schön und so kleine Veranstaltungen könne man ruhig unterstützen.

Damit trafen die beiden genau den richtigen Punkt bei mir, denn dass ich Wettkämpfe gegen andere benötige um etwas zu beweisen, dazu habe ich keine Lust.
Aber die Faktoren „Spaß“, „Unterstützen“ und „ schöne Landschaft“ waren Punkte, die mich überzeugten.
Also machte ich mit. Dass ich am Ende der 10km noch vor Simone und Klaus im Ziel sein würde, hatte ich trotz gutem Wintertrainings nicht erwartet.

Nun versuchten die Beiden mich zu Venloop zu überreden. „Mit so einer guten Zeit muss man da unbedingt einen Halbmarathon laufen“!
Worte wie „Spaß“, „Party“ und „gute Laune“ waren hier die Ausschlaggebenden, die mich dazu brachten, mir übers Internet einen Startplatz zu besorgen. Also startete ich meinen ersten Halben in Venlo.
Mit 1:49 als Ziel Zeit war der auch gar nicht mal schlecht. Ich konnte im Ziel sogar noch normal atmen.

Im Laufe des Jahres viel in diversen Gesprächen immer wieder das Thema Marathon. Irgendwann war dann der Punkt da, wo mich dieses Wort beschäftigte. Ich machte mir viele Gedanken.
„Will ich das“, „Brauche ich das“, Bringt es mir was“, „Wird sowas Spaß machen“ usw…
Doch irgendwie bekam ich keine Antwort. Also stellte ich mir andere Fragen:
„Wo laufe ich einen“, „Soll er schwer oder leicht sein“, „Möchte ich mit Leuten vom AS laufen, oder lieber alleine“ usw
Ich entschied mich, einen schweren Marathon als ersten zu nehmen, mich vernünftig vor zu bereiten und ihn auch alleine zu laufen.
Also meldete ich mich beim Kustmarathon in Zeeland, Südholland an.
Ich fragte Julio Costa, ob er mich mit einem guten Trainingsplan darauf vorbereiten würde und legte los.

2 Tage nach meiner Anmeldung erfuhr ich, das sich Julio auch angemeldet hatte, mit dem Wunsch, mich auf meinem ersten Marathon zu begleiten, mich zu motivieren, sollte ich aufgeben wollen.

Während meiner Vorbereitung erfuhren immer mehr Leute, was ich mir vorgenommen hatte und eigentlich alle versuchten mir klar zu machen, dass es die falsche Entscheidung war, gleich mit so einem schweren Lauf an zu fangen. Alle redeten auf mich ein, ich sollte doch mit was leichtem Anfangen, sowas wie Köln, oder Duisburg…
Doch ich hielt an meiner Entscheidung fest und fokussierte mich genau auf diesen Lauf.
Die Trainingsläufe brachten Höhen und Tiefen mit sich, aber ich zog es, soweit es mir möglich war, durch.
Der letzte Vorbereitungslauf waren die 36km über 3 Halden, was mich ziemlich am meine Grenzen führte.
Hier kamen zum ersten und einzigen Mal kleine Zweifel auf, ob die Entscheidung wirklich richtig war, aber diese konnte ich erfolgreich verdrängen.


Nun war der Tag da. Meine Schwester, mein Schwager und Mama machten das Taxi für mich und fuhren mich nach Burgh-Haamstede, wo der Start war.
Um 10:05 stand ich das erste Mal an der Startlinie und telefonierte mit Julio, der mit dem Bus von Zoutelande hoch kam. Was mich verwunderte, war, dass ich überhaupt keine Nervosität in mir spürte. Normalerweise bin ich bei sowas ein absolutes Nervenbündel, aber selbst meine Puls Uhr sagte mir, dass ich die Ruhe selbst war. Das einzige was ich verspürte, war die Freude, dass es in 2 Stunden losgehen sollte.

40 Minuten vor dem Start zog ich mich um, machte mich zusammen mit Julio ein wenig warm, dehnte mich, gab den Mitgereisten noch ein paar Instruktionen, wo sie mir Getränke reichen könnten und dann ging es zum Start.


Der Vorhergesagte Regen war laut aktuellem Wetterbericht abgesagt und nur noch für den frühen Abend angekündigt, was Hoffnung auf einen schönen Lauf machte.
Die Temperatur war bei angenehmen 17-19 Grad und der Wind…. Tja, der Wind kam aus SSW, und blies uns die ganze Strecke mit 5-6 Bft entgegen. Irgendeine Besonderheit musste es ja geben.
Pünktlich um 12 fiel der Startschuss und wir liefen aus dem Ort in Richtung Strand.
1 km durch den Ort, dann durch Wald und Dünen zum Strand. Nach 3 Km kam der erste von 3 Strandabschnitten. Er war 2 km lang. Allerdings hatten wir hier noch Glück, da Ebbe war, und wir auf hartem Sand laufen konnten. Bei km 5 ging es vom Strand runter auf das Sperrwerk, welches die Osterschelde vor Stürmen schützen soll. Hier hatten wir Asphalt unter den Füßen und konnten bis km 19, trotz Gegenwind, der sich hier gut bemerkbar machte, entspannt Laufen.

 

Ab km 19 kam der zweiten Strandabschnitt. Dieser ging von km 19 bis km 27. Da wir nun Hochwasser hatten, mussten alle durch den weichen, trockenen Sand. Nach 2 km spürte ich, wie mir der Sand die Kraft aus den Waden und Oberschenkeln zog. Es fühlte sich an, als hätte jemand an die Oberschenkel einen Schlauch angeschlossen und würde diese langsam mit Beton füllen. Es nahm und nahm kein Ende. Hier kam man zum ersten Mal an seine körperlichen Grenzen. Julio hatte jedoch darauf geachtet, dass ich über den ganzen Strandabschnitt ein gleichmäßiges Tempo beibehalte und versucht den besten Weg für uns im Sand zu finden.
Als es dann wieder vom Sand runter ging, kam der erste Dünenabschnitt.

Hier hat man es mit Muschelschrott als Untergrund zu tun und es ging immer leicht rauf und runter. Noch hielt es sich mit dem Auf und Ab in Grenzen, trotzdem hatte man hier nicht gut die Möglichkeit sich vom Sand zu erholen. Immer wieder standen Zuschauer am Rand, die einem Wasser, Obst, Weingummi, Honigkuchen oder anderes Zuckerzeug hinhielten und anboten.
Unglaublich diese Leute !!!

Apropos Verpflegung – Alle 5km nach dem Start gab es eine Getränkestation, an der Zuerst nur Wasser, nachher dann Wasser und Isodrinks oder Wasser und Cola verteilt wurden.
Auch kleine Schwämme die in Wasser getränkt waren, um sich das Gesicht den Nacken oder andere Stellen des Körpers zu kühlen, wurden an jeder Station gereicht.

Dann kamen wir nach Domburg und der Weg wurde etwas besser. Hier ging es über die Promenade zwischen hunderten von Menschen hindurch, die einen beklatschten und bejubelten. Viele versuchten Deinen Namen auf der Startnummer zu lesen, um Dich mit Namen an zu feuern.
Ein tolles Gefühl, was einem wieder etwas Kraft verlieh.

Der Weg von Domburg nach Westkapelle war zweigeteilt. Erst ging es über einen schmalen Dünenweg, der zwar fast eben war, aber dafür sehr schmal. Hier hatte ich einen anderen Läufer bei mir, der mir gefühlt ständig im Weg war. Wollte ich ihn überholen, zog er an und erhöhte das Tempo, lief ich hinter ihm, hatte ich das Gefühl, er würde Tempo raus nehmen. Zum Glück kam eine Wasserstation, an der er kurz anhielt um zu trinken. Ich konnte, wie bisher auch, beim Trinken immer gut weiter laufen. Allerdings verließ mich hier auch Julio. Ihm ging es nicht so gut und er sagte mir, ich solle in meinem Tempo so weiter laufen, das würde gut aussehen und bestimmt zu einer guten Zeit führen. Er würde mich schon wieder einholen. Bis hierhin hatte er mich an jeder Getränkestation mit einem zusätzlichen Becher Wasser oder einem Schwamm zur Abkühlung versorgt.

Dann kam das asphaltierte Stück, welches uns bis zur Hohen Düne in Westkapelle führte. Hier war gefühlt der erste Moment, in dem man seinen Beinen eine kurze Erholung bieten konnte. Allerdings war man nun auch schon bei km 33!

Endlich an der Treppe zur hohen Düne angekommen, kam Julio wieder an gesprintet. Er drückte mir noch ein Getränk in die Hand und meinte nur, dass er nicht wisse, ob er durch kommen würde, ich aber einfach weiter laufen solle. Erstaunt über seine Aussage, aber willens das Ziel zu erreichen, versuchte ich dann die Treppe hoch zu laufen, was nicht mehr möglich war. Meine Beine waren so dick, das ich das Gefühl hatte, sie platzen gleich. Also ging ich die Treppen hoch, immer zwei Stufen auf einmal und mit viel Druck der Hände auf meine Oberschenkel um es leichter zu haben.
Oben angekommen trabte ich wieder an und lief bis zum Ende. Nun ging es die Treppen wieder runter, was erstaunlich gut ging. Hier überholte ich den einen oder anderen, der nicht mehr die Balance hatte, die Treppen noch runter zu laufen.

Nun ein kurzes Stück Radweg und dann in den letzten, schwierigsten Dünenabschnitt der ganzen Strecke.
Die Dünen zwischen Westkapelle und Zoutelande gehen extrem hoch und runter. Insgesamt überwindet man hier 278 Höhenmeter. Zwei der Anstiege musste ich auch ein Zwischending zwischen laufen und gehen nutzen. Ich konnte nicht mehr.
Allerdings fingen hier die Schilder an, oder sagen wir, ich bemerkte sie hier zum ersten Mal

…km 36…km 37… km 38….

Am Ende der Dünen ging es zum letzten Standabschnitt runter. Ich befürchtete schon das schlimmste und hätte auch vermutlich gehen oder maximal traben können, wenn es wieder nur durch den tiefen, trockenen Sand gegangen wäre, jedoch konnten wir tatsächlich bis auf den festen, nassen Sand runter. 2km ging es über den Strandabschnitt, bevor es auf die Promenade ging. Zur Begrüßung auf der Promenade standen 8 Leute und spielten Dudelsack. Gänsehaut…
Jetzt war es fast geschafft. Nur noch einen Kilometer, die Promenade bis zum Ende, runter in den Ort und die Hauptstraße bis ins Ziel.

Als ich auf die Hauptstraße einbog, war es wie beim Venloop. Hunderte von Menschen, die Feierten und einen förmlich ins Ziel klatschten, riefen, pfiffen und brüllten.
Wieder Gänsehaut !
Und dann das Ziel. Es war geschafft, 42,195km lagen hinter mir und ich war sie tatsächlich gelaufen.
Meine heimliche Ziel Zeit von 3:59,xx hatte ich nicht geschafft, aber ich denke, bei diesem Profil kann ich verdammt stolz darauf sein, es in 4:04,06 Std geschafft zu haben.



Im Ziel gab es dann eine Medaille, ein Finisher Shirt und Getränke. Zudem einen dicken Kuss von meiner Mom, die sich unglaublich freute, so etwas Mal erlebt zu haben!

Nun rief ich My an, die ja arbeiten musste um ihr zu erzählen, dass ich in knapp über 4 Std ins Ziel gekommen war. Doch da erlebte ich die größte Überraschung des Tages überhaupt. Als sie ans Telefon ging, sagte sie mir, dass ich doch bitte in ca. 1 Std noch mal zum Ziel kommen möge.
Ich fragte sie völlig verwirrt, warum, denn schließlich würde ich JETZT am Ziel stehen.
Da erfuhr ich, dass sie sich auch heimlich angemeldet hatte und gerade bei Km 33 war.
Unfassbar… Mein Schatz läuft auch …
Also wartete ich die kommenden nicht endenden Minuten am Ziel und hielt zum einen nach Julio Ausschau, in der Hoffnung, er würde noch kommen, zum anderen schaute ich, ob My bald ins Ziel kommen würde.
Nach 5:30,24 war es dann soweit und ich überquerte zum zweiten Mal, mit ihr zusammen die Ziellinie.

My und Jörg im Ziel!

Julio war inzwischen im Sanitätszelt angekommen wo ihn ein netter Zuschauer mit dem Auto hingebracht hatte. Nach etwas Ruhe und wärmenden Decken, sowie Elektrolyten konnte er mit uns die Sanitätsstation wieder verlassen und den Abend bei einem schönen Essen beenden.

Der Angekündigte Regen kam erst gegen 19 Uhr, als wirklich alle im Ziel waren! Das nenne ich mal Timing!

FAZIT:
Was für ein toller Tag ! Das Wetter hatte gehalten. Die Natur und Umgebung ist wunderschön für Leute, die das Meer lieben. Der Wind mit ca. 5 Bft war zwar nicht leicht, aber machbar. Der trockene,  tiefe Sand war die Hölle und saugte einem alles an Energie aus den Beinen, was man hatte und die Dünen am Ende gaben einem den Rest.
Dieser Marathon verdient den Titel: Härtester Marathon in den Niederlanden!

Ob ich diesen Marathon empfehlen kann? Wer Wert darauf legt, unbedingt eine schnelle und gute Zeit zu laufen, sollte hier nicht her kommen. Wer einen Anspruchsvollen Marathon in einer tollen Umgebung laufen möchte, wem Qualen nichts ausmachen, der sollte sich gut vorbereiten und diesen Lauf unbedingt genießen.

Demut und Respekt vor der Strecke ist hier angebracht!

Die Organisation ist sehr gut, die Verpflegung völlig ausreichend, Es gibt Pappbecher, aus denen man auch im Laufen trinken kann und sich nicht alles in die Nase schüttet, die Menschen fröhlich und willig, die Läufer an zu feuern.
Und ich, ich habe alles richtig gemacht. Dieser Marathon wird, weil er so schwer war und weil es mein erster Marathon war, in ganz besonderer Erinnerung bleiben!